Es fiel uns nicht leicht, die Review für das neue Album „Weathervane“ von Cold Collective zu schreiben. Wie soll man anfangen, über die letzte Platte eines verstorbenen Sängers zu schreiben, die von seinen Bandkollegen nach seinem Tod zusammengestellt wurde? Vielleicht beginnen wir erst einmal mit der Aufarbeitung und dem Rückblick. Sänger Tim Landers ist vor ein paar Jahren verstorben und war bis dato hauptsächlich für seine Gitarrenarbeit bei der Pop-Punk-Band Transit bekannt. Seine Bandkollegen von Cold Collective haben sich nach seinem viel zu frühen Tod dazu entschlossen, die zuletzt getätigten Arbeiten an ihrem neuen Album am Ende doch zusammenzustellen und zu veröffentlichen. Somit erwartet uns eine rührende Hommage an Tim, als auch eine Sammlung von großartigen Songs, um das Leben des verstorbenen Sängers zu ehren.

In seinen 16 Tracks erkundet „Weathervane“ verschiedene Ecken des von den Mid-2000ern inspirierten Emo und findet einen Mittelweg zwischen Punk und Indie-Rock, der von Tim’s wunderbar verwitterter Stimme getragen wird. Als solcher fungiert sein Gesang als Anker, der das Album von Songs, die wie Demos klingen – wahrscheinlich weil sie es sind – zu den ausgereifteren Stücken führt. Und das soll nicht heißen, dass der Demo-Charakter von einigen Songs das Album weniger gut klingen lassen: wenn überhaupt, trägt die geschmackvolle Umsetzung und Kontrastierung solcher Momente zur Authentizität des Erlebnisses bei.

Die ersten vier Songs rauschen fast förmlich an uns vorbei und wir fühlen uns auf jeden Fall in die 2000-er Emo Zeit zurück getragen. Der Song „Secondhand Smoke“ ist für uns einer der besten von den ersten vier Tracks der Platte.

If you’re breaking up you can’t break in
You won’t hold hands with another dead friend It’s always something

Wahnsinnig schön und doch können wir uns ein paar Tränchen nach diesem Bad der Gefühle nicht verdrücken.

Um nochmal auf den Demo-Charakter zu verweisen: die beiden Songs in Folge „Forever, For Nico“ und „Quicksand“ demonstrieren dies perfekt. Ersterer, eine zarte akustische Verschnaufpause, ergänzt zarte unklare Bilder mit einer ebenso verzerrten Produktion, wie eine konservierte Botschaft aus der Vergangenheit, die endlich das Licht findet, das sie verdient.

All alone I was a polygraph
But I’d wait here for two
Half hope and a flagstaff
From a blood moon eclipse
To the holes in my shoes

Quicksand“ hingegen ist ein explosives Gemisch aus Riffs, Schlagzeug und einem Text, der kaum deutlicher sein könnte:

I’d rather be hated for who I am
Than loved for who I’m not

Der Kontrast zwischen den Songs ist wahnsinnig gut inszeniert und die Reihenfolge macht hier absolut Sinn. Die Leidenschaft für die Musik ist spürbar, kein Moment wird verschenkt. Das ist wohl auch ganz im Sinne von Tim.

Weathervane“ gibt sich keine Blöße. Jeder Song scheint auf eine Art und Weise konstruiert zu sein, die sich intuitiv anfühlt und folglich genau richtig ist. Bei dem ausladenden „I’m Sorry (Idiosyncrasy)“ bedeutet dies, dass man dem Song erlaubt, zu atmen und sich auf die Reise zu begeben, die er beschreibt.

Bei „Wait For It“ bedeutet dies, dass man die hervorragende Refrain-Hook richtig zur Geltung bringt. Abgesehen davon, dass es Cold Collective gelungen ist, das einstündige Erlebnis völlig füllungsfrei zu gestalten, liegt ihre größte Leistung darin, dass sie die Songs, die von Tim Landers vielleicht nicht ganz fertiggestellt wurden, respektvoll zu Ende bringen. Nicht nur das, sie vollenden es auf die Art und Weise, wie es sich Tim wohl nur in seinen kühnsten Träumen vorgestellt hat.

Downhearted“ zum Beispiel behält seine ansprechende, unvollständige Aura, während es sich, etwas widersprüchlich, auch wie ein vollendetes Stück anfühlt. Die Band versucht nicht, den leeren Raum auf eine Art und Weise auszufüllen, die sich nicht wiederholen lässt. Stattdessen besticht das Stück durch ein delikates Zusammenspiel von Gitarren und Bass in der Bridge, das die unbestreitbare Leere anerkennt und den Song gleichzeitig aufwertet.

In ähnlicher Weise tragen die grungigen Untertöne von „Little“ auf ungeahnte Weise zur Atmosphäre des Albums bei. Die Kombination aus schierer Eingängigkeit und einer düsteren Atmosphäre verleiht dem Song einen traurig passenden Hauch von Melancholie. Wie gesagt, es passt nicht nur zu der Lebenslage der Band, sondern eben auch zu Tim und seinem Leben. Großartig!

Letzten Endes hätte „Weathervane“ nicht so klingen sollen, wie es klingt, und doch ist es perfekt für das, was es ist. Und noch wichtiger ist: es versucht nie, etwas zu sein, was es nicht ist! Anstelle ist es eine Hommage an einen wunderbaren Musiker und eine Feier seines Lebens. Wir finden darauf eine eine abwechslungsreiche Sammlung von 16 hervorragenden Songs. Als solches fühlt sich das Album wie ein kleiner, aber wichtiger Erfolg gegen den ewigen Krieg der Menschheit mit dem Tod an. „Weathervane“ sorgt dafür, dass jeder Ton am richtigen Platz ist, auch wenn nicht jeder am richtigen Platz sein kann.

Zum Schluss bleibt uns wohl nicht mehr all zu viel zu sagen, als einen großen Dank an Cold Collective für dieses wunderbare Werk.

Tim Landers für immer.

Autor: Seb

Tracklist zu „Weathervane“:

  1. I Saw The Night Die
  2. Wait For It
  3. If You Could Be There
  4. Secondhand Smoke
  5. Don’t Break Me
  6. Glue / Ghost
  7. Forever, For Nico
  8. Downhearted
  9. Quicksand
  10. I’m Sorry (Idiosyncrasy)
  11. Anything + Everything
  12. Killing Time
  13. Little
  14. Heavy Days
  15. Let It Bleed
  16. Moonlight (I Feel Nothing At All)