Genau ein Jahrzehnt ist es mittlerweile her, als Erra mit ihrem ersten offiziellen Longplayer um die Ecke kamen. Damals, in 2011, war der Progressive Metalcore natürlich noch nicht so bekannt, wie es das Subgenre heute ist. Heute tummeln sich in diesem Haifischbecken mehr als wahrscheinlich hunderte von Bands, die alle in einer ganz bestimmten Art & Weise etwas zu diesem Genre beitragen. Doch unsere Meinung nach ist Erra nicht nur einer der ersten Vertreter, sondern mittlerweile auch einer der Bekanntesten.

Nach den letzten beiden Alben „Neon“ (2018) und „Drift“ (2016), die auch die ersten Alben mit dem neuen Unclean-Vocalist JT Cavey (ex Texas in July) darstellen, sind unsere Erwartungen an die neue LP natürlich sehr groß. Doch bereits die vorveröffentlichten Singles haben uns gezeigt, dass Erra nicht nur Bock auf ordentlich djentige– und progressive-Musik haben, sondern sie wollen auch gern wieder auf den großen und härteren Wellen reiten.

In den 12 Tracks auf der Platte erzählt die Band Geschichten, die von mentaler Instabilität handeln und in Japans berühmt berüchtigten Selbstmord-Wald (Aokigahara) spielen. Diese Erzählungen machen dieses Album zu einem der kühnsten und atemberaubendsten Werke der Band. Von daher lohnt sich auf jeden Fall nicht nur der Blick hinter die Instrumentale, sondern ganz besonders auch hinter die Lyrics. Nur als kleiner Geheimtipp von unserer Seite.

Wie bereits in ihrem ersten Making Of-Video angepriesen, möchten sich Erra mit diesem neuen Longplayer nicht unbedingt neu erfinden, aber sie wollen die Spielfreude der vergangenen Tage in die Songs transferieren. Und das gelingt den Jungs um Clean-Sänger Jesse Cash besonders gut. Die positiven Aspekte überwiegen und das ist gerade in diesen tristen Zeiten der Corona-Krise einer der wichtigsten Botschaften, die uns eine Band übermitteln kann.

Vorneweg wollen wir euch schon mal ein bisschen vorbereiten, denn Erra erstrahlen mit diesen Output in einem progressiven Metalcore-Glanz – glitzernd mit technisch anspruchsvollen Gitarrensoli und überragenden Refrains.

Bitte beachtet auch, dass es sich bei dieser Review um einen kurzen Überblick handelt und wir nicht auf jedes Detail eingehen wollen und können. Ein bisschen Spielraum in euren Fantasien soll natürlich bestehen bleiben.

Den ersten Song auf der LP kennen wir bereits, da dieser auch die allererste Veröffentlichung war. Mit „Snowblood“ haben Erra sozsuagen das neue Album eingeläutet.

Auffällig wird hier bereits der perfekte Spagat zwischen dem punchigen Bass und den Gitarren. Die beiden Produzenten Carson Slovak und Grant McFarland haben einen verdammt guten Mix abgeliefert, der Erra zu neuen, höheren Gefilden hebt.

Besonders hervorzuheben ist unserer Meinung nach das doppelt getimte Gewitter-Riff im Stile von After The Burial im letzten Drittel des zweiten Songs „Gungrave„. Das ist mit Anhieb eines der Riffs, welches aus der gesamten Diskografie von Erra, im Kopf bleibt. Nicht nur wegen des Songtitels (da hätte man direkt auch an Maschinengewehr-artiges Geballer denken müssen).

Die nächste Auffälligkeit bietet sich im Track „Shadow Autonomous„, welches auch eine der Single-Veröffentlichungen war. Dort fielen uns ganz besonders die eröffnenden Gitarrenstrukturen auf. Irgendwo haben wir so etwas ähnliches bereits in den vergangenen Tagen zu hören bekommen. Und ist es: der Rhythmus der Gitarren erinnert stark an die früheren „As Daylight Dies„-Ära von Killswitch Engage.

Ein weiterer Ohrwurm ist der Track „Vanish Canvas“ und auch dort könnten wir verschiedene Brücken zu Periphery´s „Remain Indoors“ anstellen. Das soll jetzt aber bitte nicht heißen, dass sich Erra hier einfach nur die Strukturen aus deren Song geklaut hätten. Diese Anmerkung soll einfach nur zeigen, von welchen erstklassigen Künstlern die Band sich inspierieren lassen hat. Ganz besonders gefällt uns auf diesem Stück aber auch die Symbiose zwischen den Cleans von Jesse Cash und den düsteren Growls von JT Cavey. Man könnte fast meinen, dass Erra hier eine Art Pop-Song auf die Beine gestellt haben.

Ganz ehrlich? Wenn man die angesprochene Symbiose der beiden Sänger von Erra miteinander mischt, dann fühlt man sich wie durch einen Sog in den Song hineingezogen und man möchte aus diesem Fahrwasser doch am liebesten nicht mehr entrinnen.

Der Einsatz von Jesses Clean-Gesang stellt für uns einen erheblich großen Anteil dar, der die Melodik der Song wie z. B. „Remnant“ auf ein anderes Level hebt. Natürlich sind die Töne auf diesem Song lange nicht mehr so hart wie beispielsweise auf dem Opener „Snowbloowd„, doch der melodische Refrain macht diesen Track auch zu einem sofortigen Hit für eine bevorstehende Live-Sause.

Aber ganz klar ist auch, dass die Djent-Leads in einem neuen Erra-Album nicht zu kurz kommen dürfen. Gerade auf den Songs „Memory Fiction“ oder auch „Scorpion Hymn“ wird schnell klar, dass man hier ein Erra-Album auf die Ohren bekommt. Doch genau solche Momente braucht dieses Album auch. Die technischen Details in den Instrumentalen sind nicht unbedingt beim ersten Durchlauf rauszuhören; was aber auch nicht schlimm ist, denn im Endeffekt will man die LP auch nicht nur ein einziges Mal hören.

Ein kleines, aber feines Fazit haben wir euch auch noch schnell ausgearbeitet: für uns ist unbestreitbar, dass diese Platte wohl eine der bedeutendsten der Band darstellt. Die Brand brilliert nicht nur mit ihrer technischen Raffinese in den Song-Strukturen, sie liefert hier auch eines der wohl bisher spannendsten und besten Alben der mordernen Metalcore-Ära. Wir wollen damit natürlich nicht unbedingt sagen, dass die Band aufgrund neuartiger Einflüsse sich von der Szene abhebt, aber es ist und bleibt einfach verdammt guter Progressiver Metalcore.

Bewertung:

9,5/10

Zum Schluss wollen wir euch noch die Listening-Party der Band ans Herz legen. Diese startet heute um 0 Uhr zu deutscher Zeit auf dem Twitch-Kanal von Sänger JT Cavey (Link: twitch.tv/jtcavey).

Autor: Seb