Würzburg, eine Stadt im schönen Freistaat Bayern, in der Post-Hardcore bisher ziemlich groß geschrieben wurde. Richtig, in Verbindung mit Würzburg werden auch immer wieder Devil May Care gebracht. Die jungen Wilden, die sich bisher ganz dem Post-Hardcore verschrieben haben, bringen uns am Freitag, dem 05. November 2021, ihre neue Platte auf den Weg. Das neue Werk hört auf den Namen „Divine Tragedy“ und wie der Name bereits unterschwellig verrät, nehmen uns DMC auf eine Reise durch die verschiedenen Akte von menschlicher Selbstzerstörung.

Die Band bedient sich hierfür einer beeindruckenden Palette an Referenzen und Einflüssen: während sich die Struktur der Platte an „Dantes Inferno“ orientiert und damit Literatur aus dem 14. Jahrhundert einschließt, belegt die Band gleichzeitig, wie firm sie in ihrer Szene ist. Unterstützt wird der brachiale Post-Hardcore des Albums so durch Feature-Parts von Szene-Größen wie Like Pacific, Rising Insane, Venues und Sperling. Fans von Bring Me The Horizon, Architects oder Polaris dürften bei der Musik von Devil May Care einige ähnliche Muster wiederfinden.

Was haben Devil May Care aber nun auf ihrem neuen Album vor? Werden wir wieder ähnlich starke Post-Hardcore-Kracher wie auf ihrem Vorgänger „Echoes“ aus 2019 zu hören bekommen? Oder eventuell ganz neue Sounds? Ihr dürft gespannt sein, denn was DMC uns auf „Divine Tragedy“ bieten ist ein verdammt bunter und großer Blumenstrauß an verschiedenen Genres. Mehr dazu aber später, lasst uns mit der Review beginnen.

Eröffnet wird das Album vom Opener „Outcry„. Was direkt von Beginn an auffällt ist das treibende Drumming auf dem Song. Der Refrain brilliert dann mit einer gewissen Art von Melancholie inklusive einfacher und hymnischer Melodie. Der Track setzt sich mit der Zerstörung der Umwelt auseinander und beschreibt damit eines der zentralsten Probleme der Menschheit. Die Band hat sich gerade für dieses Thema bereits in der Vergangenheit immer wieder stark gemacht. Gitarrist Lukas Esslinger ist Aktivist bei Sea Shepherd und wurde erst kürzlich vom Fernsehen mit der Kamera begleitet, als er auf der Ostsee bei einem Einsatz für Schweinswale unterwegs war. So werden die Jungs vor ihren Release-Parties zur Platte auch an den jeweiligen Orten an bestimmten Plätzen etwas für die Umwelt tun. Chapeau dafür von unserer Seite! Starke Musik plus starke Charaktere und Persönlichkeiten.

Mit „Painter“ gibt es auf Track Nummero 2 direkt das erste Feature auf die Ohren. Zudem ist dieser Song auch einer der im Vorfeld bereits veröffentlichten. An sich wurde die Struktur im Vergleich zum Opener „Outcry“ kaum verändert, doch auffallend stark bauen sich Guest-Vocals im zweiten Part von Lead-Vocalist Aaron Steineker (Rising Insane) wie in einem Guss in den Song ein. Und ganz ehrlich: dieser Song blieb mir seit dem ersten Hören im Gedächtnis und wurde für mich zu einer absoluten Hymne dieser Platte. Das Musikvideo selbst ist ebenso herausragend wie der Song.

Der Nachfolger „Into The Abyss“ besticht im Vergleich zu seinen beiden Vorgängern durch seine rohe Durchschlagskraft. Mit diesem Stil erinnern mich DMC sehr an die früheren Trivium, und das mag schon einiges heißen. Mit diesem Song beweisen die Würzburger auch ihre Verbundenheit zur Organisation Sea Sheperd. Denn seit der Veröffentlichung des Musikvideos, welches gemeinsam mit Sea Sheperd gedreht wurde, sammelt die Band Spenden für den Support der Organisation. Hierbei machen DMC darauf aufmerksam, wie wichtig der Schutz der Ozeane für uns alle und die darin lebenden Tiere ist. Und wieder kann ich mich vor dem Sound und der so wichtigen Message nur verneigen. Hut ab!

Revelation“ bietet einen wunderbaren Kontrast zwischen wunderschönen Melodien im Refrain und den darauffolgenden Core-lastigen Growls, die DMC ohne ein Augenzucken vollends beherrschen. Die Lyrics zum Song beschäftigen sich mit dem Kampf der Selbstbehauptung in einem menschlichen Umfeld, das stets gegen einen arbeitet. „Ein zerstörtes Selbstwertgefühl ist mindestens so tödlich wie eine körperliche Erkrankung“, kommentierte Sänger Tim den Song mit seinen Worten.

Im Song „Delirium“, in dem Rapper Johannes „Jojo“ Gauch von den Post-Hardcore-Durchstartern Sperling als Gast zu hören ist, geht es so um die physische Selbstzerstörung durch Drogenkonsum. Doch zu Beginn überrascht mich der Sprechgesang von Sänger Tim Heberlein erstmal etwas, wodurch auch der Vergleich zu Bring Me The Horizon eindeutig klar wird. Die immer wieder wütenden Drums von Joachim Lindner sind eines der tragenden Elemente auf diesem Track. Im zweiten Teil folgt dann das Gast-Feature von „Jojo“ und zeigt somit die Variabilität der Jungs aus Würzburg. Denn ein solch gut und stimmiges Feature verpackt in einem Modern-Metal-Kracher, gab es wohl bisher noch nicht in ihrer Diskografie.

Auf „New Old Life“ wird es dann etwas ruhiger und softer als auf den Vorgängern. Sozusagen klingt dieser Track wie die geheime Waffe für den Frieden, nicht nur auf dem Album. Mit dieser Ballade beweisen DMC mal wieder, dass sie eben auch die softeren Seiten in sich besänftigen wollen und können. Der Gesang von Tim klingt einfach nur wundervoll und baut sich im Refrain von Null auf Hundert in Sekunden auf. Auch das restliche Instrumental baut sich im Laufe des Songs immer mehr und mehr auf. Die Gitarenriffs zum Ende hin weisen Ähnlichkeiten zu einigen Linkin Park-Riffs auf. We like!

Der dritte Feature-Gast befindet sich dann auf Track Nr. 7. Auf die emotionalste Weise, wie uns die Jungs aus Würzburg abholen könnten, tun sie es auf „Tragedy„. Dazu dann noch die wohlwollenden Klänge der Stimme von Sängerin Daniela „Lela“ Gruber von VENUES und der Song könnte kaum besser klingen. Hier befinden sich sowohl Härte, Emotion und gefühlvolle Melodien auf einer Wellenlänge.

Der Song „Veil Of Conspiracy“ bringt die alten Stärken aus dem Post-Hardcore der Jungs von DMC wieder richtig zum Vorschein. Treibende Gitarren und Drumming sowie die ein oder andere Überraschung. Besonders gut gefällt uns der Einsatz der verzehrten Stimmen im akustischen Teil des Tracks. Am Ende des Tages ist der Song ein mutzusprechender Titel, den wir jedes Mal wieder anschmeißen sollten, wenn uns eben dieser Mut zur Lücke mal wieder fehlen sollte.

Calm Waters“ war eine der ersten Single-Auskopplungen für „Divine Tragedy“ und zeigt abermals die Stärke von DMC. Denn die Band steht eindeutig für die Vereinigung zwischen härteren Passagen und einer eingänigen Hook. Lyrisch behandeln die Würzburger hier ein weiteres hartes Thema: Alkoholsucht in der eigenen Familie, unter der die Kinder noch Jahre danach hart zu knabbern haben. Das dazugehörige Musikvideo zeigt Sänger Tim alleingelassen in einer Badewanne voller Wasser, in der er seiner Wut und seinem Ärger freien Lauf lässt.

Dayblind“ weist dann den einzigen Feature-Gast auf, der nicht aus Europa kommt. Durch die Shouts vom Gast-Shouter Jordan Black von Like Pacific kommt nochmal eine ganz andere Wucht in die härteren Passagen. Wobei auch die Mixtur zwischen Tim und Jordan hervorragend für diesen Song gewählt wurde. Beide wüten sich gegenseitig nach oben, um dann in einem fulminanten Breakdown zu enden. Wieder einmal verteilen wir hier einen dicken Daumen nach oben für den perfekt ausgewählten Gastpart.

Auf „Dead In The Water“ stellen Devil May Care nochmal die lyrischen Aspekte in den Vordergrund. Beim Song selbst geht es wieder um den Klimaschutz und die schon sehr häufig angesprochenen Umweltwandel, den die Jungs mit diesem Album sehr hart, aber immer mit den richtigen Worten in den Fokus rücken. Instrumentalisch erinnert der Track sehr an die Wurzeln der Band, die sich dann doch sehr im Post-Hardcore wiederfinden. Interessant ist aber auch der Einsatz der Violinen-Klänge gegen Ende des Songs.

Eigentlich wäre jetzt schon Schluss, außer man hat sich auf digitalen Weg das Album zugelegt. Dann erwarten euch mit „Prisoner“ und „Shutdown“ noch zwei weitere Songs. Es lohnt sich auf jeden Fall, denn Devil May Care machen da weiter, wo sie auf dem letzten offiziellen Track aufgehört hatten. Die Emotionalität wird immer noch groß geschrieben und setzt einen sehr guten Schlussstrich unter die LP. Vielleicht auch noch sehr interessant: auf „Shutdown“ gehen DMC mal etwas andere Wege und erinnern mit vielen Stücken an die US-Band Breaking Benjamin.

Zu guter Letzt folgt unser Fazit zur neuen Scheibe:

Devil May Care bringen es fertig, all die komplexen und vielfältigen Kapitel ihrer Platte zu bündeln, indem sie sich uralte Literatur zum Vorbild nehmen. „In Dantes Göttlicher Komödie wird der Abstieg in die Hölle beschrieben„, erläutert Tim Heberlein die sehr ungewöhnliche Inspiration. „Die Hauptfigur durchläuft neun Höllenkreise, die überwunden und durchlebt werden müssen, bevor man im Fegefeuer endet. Metaphorisch, strukturell und lyrisch haben wir diesen Abstieg in die Hölle auf die Zerstörung der Menschheit übertragen. Beschrieben werden also elf Stadien, nach denen ein einzelnes Menschenleben beziehungsweise die Menschheit in ihrer Gesamtheit erlischt.

Devil May Cares drittes Album erweist sich so als ungeheuer facettenreicher und schwer zu schluckender Trip, den man erstmal verdauen muss. Wer mitgeht, wird mit einer der vielschichtigsten und mitreißendsten Post-Hardcore-Platten der letzten Jahre belohnt, auf dem sich nicht ohne Grund ein prominentes Kollektiv an Szene-Größen versammelt hat. Ein Album, vor dem man eigentlich weglaufen will, zumindest wenn es um die Themen geht – aber bei dem es gerade deswegen umso wichtiger ist, dass wir ganz genau hinhören.

Durch den Ausflug in Richtung Core und gleichzeitig auch hin zum Stadion-Rock erweist sich die LP „Divine Tragedy“ zu einer ungewöhnlichen Reise, welche dann noch mit phänomenalen Feature-Gästen und großartigen Musikvideos abgerundet wird.

Rating: 8/10

Autor: Seb

Tracklist:

  1. Outcry
  2. Painter (feat. Aaron Steineker/RISING INSANE)
  3. Into The Abyss
  4. Revelation
  5. Delirium (feat. Johannes „Jojo“ Gauch/SPERLING)
  6. New Old Life
  7. Tragedy (feat. Daniela „Lela“ Gruber/VENUES)
  8. Veil Of Conspiracy
  9. Calm Waters
  10. Daybling (feat. Jordan Black/LIKE PACIFIC)
  11. Dead In The Water
  12. Prisoner
  13. Shutdown