Das eigene Überleben hängt von der Evolution ab. Wenn sich die Bedingungen ändern und die Gezeiten sich wenden, müssen wir uns mit ihnen verändern, um den kommenden Herausforderungen einen Schritt voraus zu sein. Es ist klar, dass Fit For An Autopsy dieses Prinzip verinnerlicht haben, da sie sich mit jedem weiteren Werk kontinuierlich weiterentwickeln. Die Band aus New Jersey verwischt nicht nur die Grenzen zwischen technischer Metal-Virtuosität, Death Metal-Bedrohung, Hardcore-Intensität, melodischer Hinterhältigkeit und abstrakten Ansätzen, sondern verkörpert eine eigene, kompromisslose Vision.

Die sechsköpfige Band perfektioniert diesen Ansatz auf ihrem sechsten Album „Oh What The Future Holds„, welches über ihr Label Nuclear Blast Records am kommenden Freitag, den 14. Januar 2022, veröffentlicht wird.

Produzent und Gitarrist Will Putney drückte sich wie folgt zur Weiterentwicklung und zum neuen Album aus:

It’s clear we don’t sound like we did when we started the band. Obviously, we’re taking the music in different directions. We’ve drifted into other styles, and our tastes have changed. So, it’s natural. But we’re definitely the most satisfied we’ve ever been with our music. If you were there from the beginning, there will always be something for you. However, it’s moving forward.”

Fit For An Autopsy haben jedoch nie aufgehört, sich weiterzuentwickeln. Nach ihrem bitterbösen Debüt „The Process of Human Extermination“ (damals noch mit einem anderen Vocalist) aus dem Jahr 2011 hat sich die Gruppe mit ihrem zweiten Album „Hellbound“ in aller Stille einen Platz in der modernen Avantgarde des Extrem-Metal geschaffen. Revolver zählte „Absolute Hope Absolute Hell“ von 2015 zu den „15 Essential Deathcore Albums„. Und im Zuge von „The Great Collapse“ zwei Jahre später hatte sich die Band einen eigenen Platz im Bereich dessen geschaffen, was man als „Post-Deathcore“ bezeichnen könnte. Dieser Aufstieg erreichte auf dem 2019er Werk „The Sea of Tragic Beasts“ eine weitere Stufe. Die Band wird sowohl von den Fans als auch von der Presse für ihre erfrischende Herangehensweise an moderne aggressive Musik gelobt, sowohl auf Platte als auch bei Konzerten.

Den Schreibprozess für ihr neuestes Werk begonnen Fit For An Autopsy im Frühjahr 2020, als die Pandemie ihre Tourpläne durchkreuzte. Will Putney äußerte sich wie folgt zum Schreibprozess und den Aufnahmen:

We had no real timeline, so we didn’t feel much pressure. Once we realized touring wasn’t opening up, we decided to have fun with the process. I got to spend more time than I usually do on records. We definitely took some of the songs into new places because of that. It’s our longest album. We composed more than we ever have and it was a rewarding feeling to put real work into all these ideas.

Anfang 2021 kamen FFit For An Autopsy persönlich in Putney’s Graphic Nature Audio-Stuido zusammen und nahmen „Oh What The Future Holds“ auf.

Begonnen haben sie die Reise mit der Single-Veröffentlichung zu „Far From Heaven„.

Doch nun wollen wir endlich mit unserer Review zum neuen Album starten. Den Beginn macht der Titeltrack „Oh What The Future Holds„.

„Oh what the future holds, it’s worse than you know“

Der Titeltrack ist eine Mischung aus einem Instrumentalen-Intro und einem vollwertigen Track. Ein ambient klingendes Keyboard-Arrangement weicht im Laufe des Songs einem zermürbenden Breakdown, bevor zum Ende hin die Verkündung des Songtitels in unsere Ohren gebrüllt wird. Normalerweise ist ein Titel-Callout über einem Breakdown kitschig und aufgesetzt, aber wie viele andere Aspekte des Songwritings scheinen Fit For An Autopsy ihm das nötige Gewicht zu verleihen. Den Start hätten wir uns nicht perfekter vorstellen können.

„Open pandora.“

Weiter geht es mit einer der Single-Veröffentlichungen „Pandora„. Mit einem höllischen Scream und einem fordernden Schlagzeugrhythmus beginnt der Track völlig unerwartet. In einer temporeichen Strophe spielt die gesamte Band wie ein aufgewärmter Triebwerkraum, in dem Sänger Joe Badolato verschiedene Varianten seines dämonischen Stimmumfangs präsentiert.“Open Pandora“ – die Zeile, die man zu einem alles erfassenden, beflügelnden Breakdown hört, gefolgt von einem besänftigenden Gitarrenmedley und einem letzten Breakdown, der die ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht. Der gesamte Track ist auf einem ähnlichen Level wie die Songs auf „Absolute Hope, Absolute Hell“ aufgebaut und lief seit der Veröffentlichung auf Repeat.

Die Band selbst sagte folgendes zu „Pandora„:

“This is one of our favourite new songs, as it touches on a lot of our influences all at once and represents a collective of our musical tastes. Lyrically, it describes the inevitable path to environmental destruction via the mechanisms we’ve permitted to control society. It’s not an unfamiliar topic for FFAA, but an important one nonetheless and one we will continue to write about.”

„Reborn as fallen gods, they keep me far from heaven.“

Als nächstes gibt es mit „Far From Heaven“ die erste Single-Veröffentlichung für uns zu hören. Der Track selbst beginnt mit einem vergleichbaren Gojira-Riff und dem schweren Dröhnen des Basses. Dazu gibt es hallgeladenen Clean-Gesang, auch mal etwas anderes von Fit For An Autopsy. Es folgt ist ein stampfendes Riff, das „The Great Collapse“ und „The Sea of Tragic Beasts“ zu ihrem Ruhm verhalf. Das Solo ist zwar kurz, passt aber nahezu perfekt zu den mittelschnellen Riffs, ist nicht zu auffällig und verleiht dem Riff und dem Track gerade genug Würze.

Die Band hatte folgende Worte für den Song übrig:

„This song felt like a worthy introduction to premiere the album, picking up where we left off creatively from our last release. Although there are more drastic dynamic turns on the new album, ‘Far From Heaven’ delivers from a more simplistic and primal place. Lyrically, this record digs a little further into internal turmoil as well, but this song is in a way a much more literal and grounded representation of our continued frustration with institutions and class gaps that exist in all facets of society. The powerful video, directed by Eric Richter, is a great thematic visual counterpart to the inherent dark nature of the song. Hope you enjoy it — we certainly do.“

„Suffer. Grow. Become. End.“

Im Folgesong „In Shadows“ zeigen Fit For An Autopsy wieder ihre etwas härtere Gangart. Die Parts brillieren mit knüppelharten Riffing und Drumming, der Breakdown kurz vor Schluss ist nicht von schlechten Eltern. Der Refrain ist sofort nach dem ersten Hören ein absoluter Ohrwurm, auch dank der Scream-Cleans von Joe.

„One soul betrayed, accept the things you cannot change.“

Mit „Two Towers“ haben FFAA beschlossen, Rivers of Nihil mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Daher könnte dieser Track aus vielen Gründen ein Favorit des Albums sein. Der fast sechsminütige Track verbindet experimentellen Clean-Gesang mit Fit For An Autopsy’s typischem Riffgewitter und Deathcore-Abstiegen. Alles in allem eines der Highlights auf dem Longplayer!

Die Jungs aus New Jersey verloren folgende Worte zum Song:

„Conceptually, ‘Two Towers’ is an abstract story which follows the journey of your past self and future self, and the forces that pull them apart. Realising the impossible concept of them meeting, one is faced with the reality of accepting the things you cannot change. It’s a little out of the box for us, but it was challenging and fun to create a unique song for the record. Shout out to director Frankie Nasso and his team for the animated video that brought this story to life.”

„Running down your spine, into the back of your mind.“

Das Intro von „A Higher Level of Hate“ geht von einem Leprous-artigen Intro in ein Whitechapel-Tempo der Self-Titled-Ära über. Es ist bemerkenswert, dass Fit For An Autopsy scheinbar den typischen Sound dieser Bands besser nachahmt als die Bands selbst, die 2021 höchst unterschiedliche Alben veröffentlichten. Das eben beschrieben Intro ist wirklich sehr perkussionistisch angehaucht und treibt diesen Track unheimlich nach Vorne, da man auch in den Parts und im Refrain den Drums hier das größte Gehör verleiht. Die zwischenzeitlichen Gesangseinlagen wirken in diesem Lied auch sehr interessant.

„How high I would hold you, adorned in the brightest display of suns.“

Collateral Damage“ treibt die schweren und düsteren Aggressionen der Band nochmals auf einen Höhepunkt. Das Riffing wirkt ausgeklügelt und das Drumming passt einfach perfekt dazu. Doch am ehesten heraustechen tut das Gebrüll von Joe, denn mit diesem Rhythmus in seiner Stimme bewegt er wohl auch die letzte Reihe auf einem Live-Konzert zum Kopfnicken. Das eingebaute Gitarrensolo bekommt mehr als einen guten Auftritt und ist ein echter Leckerbissen.

„All hail empty humanity.“

Und jetzt folgt mit „Savages“ unser absolutes Highlight des Albums. Eine Einladung in den nächsten Circe-Pit wird dieser Song auf jeden Fall direkt zu Beginn an einlösen. Die Riffs sind unheimlich rasant und so scharf, wie das beste Steak-Messer, welches ihr in eurem Schrank habt. Als einer der schnellsten Songs des Albums wünschten wir uns fast, „Savages“ stünde weiter oben auf der Trackliste. Der Refrain erinnert mit den „Gangshouts“ etwas an einen Kriegsgesang. Was zum Teil echt weird klingt, aber dieser Track läuft wohl möglich einige Monate lang auf Repeat.

„Heal me with what kills me.“

Der vorletzte Song auf dem Album „Conditional Healing“ schwingt immer mal wieder zwischen verschiedenen Tempos und kann aber gerade in den schnelleren Parts mehr überzeugen. Und auch an dieser Stelle gibt es ein weiteres Gitarrensolo, welches dieses Mal einen abgespaceten Wandel annimmt. Hierbei handelt es sich auch eher um einen so genannter „Grower“, bedeutet ihr müsst diesen Song das ein oder andere Mal hören, um damit warm zu werden.

„Make me the man that I was not.“

Der Albumabschluss „The Man That I Was Not“ ist eine Rivers of Nihil-Doom-Core-Süßigkeit, mit einem viel traditionelleren Clean-Vocal-Arrangement. Der cleane Gesang wird im Deathcore-Bereich wohl immer umstritten bleiben, doch nur wenige können es so gut umsetzen wie FFAA und beispielsweise Whitechapel. Mit fast sieben Minuten Länge lehnt sich „The Man That I Was Not“ nicht zurück und verlässt sich nicht auf langatmige Songwriting-Tropen, sondern schlägt genauso hart zu wie die kürzeren Stücke. Ein würdiger Abschluss für das Album!

Fazit:

Oh What The Future Holds“ ist ein würdiger Nachfolger von „The Sea Of Tragic Beasts„. Nach der letzten LP hätten wir nicht gedacht, dass Fit For An Autopsy einen weiteren Meilenstein in ihrer Karierre so untermalen würden, wie nun getan. Die Gitarrenarbeit auf dem Album (alle Props gehen raus an Pat Sheridan, Tim Howley und Will Putney) ist druckvoll und düster, ohne jedoch in den Sumpf der langweiligen Mittelmäßigkeit zu geraten, in den Deathcore-Bands gewöhnlich abgleiten, wenn sie sich auf Breakdowns verlassen. Aufgepeppt wird das Ganze dann mit Ambient-Arrangements und geschmackvollen Gitarrensolos. Bass und Schlagzeug bilden ein großartiges Fundament, auf dem die Gitarren ihre Arbeit verrichten können, und der Gesang trägt das Ganze bis zur Ziellinie. Eine der wichtigsten Eigenschaften von FFAA war schon immer der Gesang, und „Oh What The Future Holds“ gehört zu den bisher stärksten Gesangsleistungen der Band. Joe Badolato hat die ästhetischen Doomy-Deathcore-Vocals zu einer exakten Wissenschaft gemacht!

Rating: 9.5 von 10 Punkten.

Am Ende müssen wir leider einen halben Punkt abziehen, da die Band sich zwar getraut hat etwas anderes zu unternehmen, jedoch diese Ausbrüche nur teilweise zugelassen haben. Ein wenig mehr Mut zum Ausbruch aus dem Genre hättenn dem Album gut getan. Und dennoch zementieren Fit For An Autopsy mit dieser neuen LP ihren Platz am Deathcore-Olymp!

Autor: Seb

Tracklist:

01. Oh What The Future Holds
02. Pandora
03. Far From Heaven
04. In Shadows
05. Two Towers
06. A Higher Level Of Hate
07. Collateral Damage
08. Savages
09. Conditional Healing
10. The Man That I Was Not

Line-Up:

Joseph Badolato | Vocals
Patrick Sheridan | Guitar
Timothy Howley | Guitar
Will Putney | Guitar
Peter Blue Spinazola | Bass
Josean Orta Martinez | Drums