Imminence haben sich in den letzten Jahren zu einem der Metalcore-Acts in ganz Europa hochgearbeitet. Nachdem uns 2017 das Album „This Is Goodbye“, aufgrund der viel zu viel eingesetzten Synthies nur teilweise überzeugen konnte, folgte 2019 mit „Turn The Light On“ der erste Longplayer, in dem Imminence ihren ganz eigenen Sound verwirklichten. Mit einem unverwechselbaren fast schon cinematischen Sound, haben Vocalist Eddie Berg und seine Jungs etwas großartiges Erschaffen.

Was macht Imminence jetzt so eigen im Vergleich zu allen anderen Metalcore-Haien im großen Becken? Richtig, nicht nur die fantastische Stimme von Eddie ist hier erwähnenswert, sondern eben auch der Einsatz seines Lieblingsinstruments: der Violine. Das hat ihnen einen enormen Popularitätszuwachs beschert, der mit jeder weiteren Veröffentlichung zu nimmt und immer weiter wächst.

Jetzt erscheint am Freitag, den 26. November 2021, ihr neues Album „Heaven in Hiding“ über das Label Arising Empire. Und wir können vorwegnehmen: Metalcore vom Feinsten, gespickt mit gefühlvoller Violine, Imminence werden immer besser. Doch alles der Reihe nach…

Der Opener „I am become a name…“ dient als Intro. Mit einem elektronisch abgemischten Gesang aus dem Off wird es etwas wehmütig, bevor die LP dann mit dem ersten richtigen Track „Ghost“ eröffnet wird.
Direkt in diesem Song zeigen sich Imminence von ihrer unglaublich vielschichtigen Seite. Aufgewertet werden die knallharten Gitarren und Drums immer wieder mit den lieblichen Tönen der Violine. Eddie beweist hier nicht nur sein können in den Sphären des Clean-Gesangs, sondern auch seine Stärke in den Scream-Parts. „Ghost“ wurde bereits als Single veröffentlicht und reiht sich im Vergleich zu den anderen vorab veröffentlichten Singles nicht unbedingt als die Härteste ein. Doch trotzdem überzeugt der Song mit der etwas anderen Herangehensweise der Schweden. Im Refrain, der nebenbei bemerkt sehr zum Mitsingen einlädt, klingen Imminence ein wenig wie ihre Kollegen In Flames und zeigen, dass sie sich auch in anderen Genres zu Hause fühlen. Nach etwa drei Vierteln des Songs gibt es einen schmackhaften Breakdown, der dafür sorgt, dass man den Track in Dauerschleife hören könnte. Dazu gibt es dann noch ein knallhartes BLEGH um die Ohren und spätestens ab diesem Zeitpunkt dürfte wohl jeder glücklich über diesen Song sein.

Darauf folgt die erste Single „Temptation„. Der Song ist ein Paradebeispiel dafür, wie effektiv die eingebauten Kontraste mit der Violine zu den härteren Elementen klingen können. Besonders Eddies Screams tragen zu der Tiefe des Titels bei, die zu dem eben genannten Kontrast ihren Teil beiträgt. Die eingebauten Streichinstrumentale verleihen den Stücken ein Gleichgewicht, welches der Band eine gewisse Form der dynamischen Kontrolle gibt, mit der sie außerdem die Stimmungen spontan ändern können. Der Breakdown zum Ende hin mit dem gescreamten „Tempation“ bringt den Track mit einem fulminanten Abschluss zum Ende. Besonders zu erwähnen ist außerdem das Musikvideo, welches uns in die Thematik des gesamten Albums einführt.

Track Nummer 4 „Surrender“ geht nach dem großartigen Erlebnis von „Temptation“ leider ein wenig unter. Die elektronischen, stotternd klingende Gitarren geben hier den Ton an. Die gesamte Stimmung ist etwas gezügelter und das meisterhafte leise Geschrei von Eddie holt noch ein wenig aus dem Song raus, doch das war es dann auch wieder.

Chasing Shadows“ beginnt mit Clean-Gesang, der beinahe Acapella einsetzt, und weiterhin nur mit Drums und einer leisen Melodie begleitet wird. Der Song macht am Anfang erneut den Eindruck, dass es ruhig weiter geht, aber der Schein trügt! Wir werden auf „Chasing Shadows“ Zeuge von einem der besten Gitarrenriffs des gesamten Albums. Die beiden Gitarristen Harald Barret und Alex Arnoldsson haben hier richtig gute Arbeit geleistet! Auch Eddie versteht sein Handwerk und transportiert so viel Emotion mit seinem Gesang, dass wir teilweise eine Gänsehaut bekommen. Das Geigenspiel, welches fester Bestandteil des „Imminence-typischen“ Sounds ist, spitzt sich im Einklang mit den Screams von Eddie zum Ende hin zu. Die Geigentöne werden immer schneller und wechseln musikalisch rasch ab (tremolo), um dann am Ende abrupt zu stoppen.

Dieser Song wurde in Verbindung mit „Alleviate“ wirklich cinematisch umgesetzt, da die Band dazu einen Kurzfilm veröffentlicht hat. Schaut euch diesen unbedingt an!

Der nächste Song „Moth To a Flame“ startet mit einem Introcharakter, der durch Klavierähnliche Töne und eine gedämpfte Stimme entsteht. Es gibt am Anfang keine anderen Instrumente bis Drums und Geige dann gepaart mit einem lauteren Gesang einsetzen.
Nicht nur die Gitarristen stellen sich mit ein paar Songs in den Fokus, nein, auch Drummer Peter Handström beweist seine Spitzenqualitäten auf dem Album. Das perfekte Beispiel für seine Arbeit finden wir hier. Wie er dank seinem Drumming die restlichen Bandmitglieder schweben lässt, ist einzigartig. Dazu kommt dann noch der wohl beste Chorus auf der LP, in der Eddie sein ganzes Können im Bereich der Cleanvocals unter Beweis stellt.

Danach folgt mit „Alleviate“ die finale Single-Auskopplung vor Veröffentlichung des Albums. Dieser Song beginnt nun eindeutig mit einem Klavierspiel, bei welchem der Gesang von Eddie in zwei Stimmen dazu gemixt wird. Von allen Songs würden wir diesen hier als den Balladen-artigsten betiteln, was mitunter der gefühlvollen Geige geschuldet ist. Wir bekommen Violin-Core in seiner pursten Form geboten.

Außerdem ist „Alleviate“ Teil des kombinierten 9-minütigen Musikvideos, das auch die vorherige Single „Chasing Shadows“ enthält. Das herausragende cinematische Projekt stellt das gesamte Konzept moderner Musikvideos in Frage. Gitarrist Harald Barrett kommentiert:

”I think we’re at the point where we could have released a music video within the regular concept. I guess it would have turned out fine and hopefully people would have enjoyed it – but what about us? Why should we need to repeat ourselves over and over again? I truly believe that outstanding creativity starts beyond the frameworks of how things should be done.”

Leider hauen uns die beiden anschließenden Songs „Enslaved“ und „Disappear“ nicht ganz so vom Hocker, wie die meisten vorherigen Tracks. Das könnte durchaus daran liegen, dass Imminence hier beinahe komplett auf die Violine verzichtet haben. Problem für uns: die Songs klingen dadurch leider nicht mehr nach dem komplett eigenen Sound der Schweden und gehen unter dem generischen Metalcore etwas unter. Am Ende ist es uns schon fast egal, wie gut sie den Metalcore zwar spielen, aber ohne die Violine ist Violin-Core eben nicht dasselbe.

Lost and Left Behind“ ist dann wieder genau das, was wir von Eddie und den Jungs hören wollen. Es beginnt mit einem Arena-Rock-Stil, dass in eine großzügige Welle mit Geigenklang übergeht. Die aggressiven Gitarrenriffs verschmelzen mit den lieblichen Tönen der Geige, was vom Sound her ein wenig an „Turn The Light On“ erinnert. Dies ist jedoch einfach gesagt ein weiteres Beispiel dafür, wie Imminence mit der stimmungsvollen Dynamik, die die Streicher bieten, spielen. Außerdem ist dieser Track der Beginn für die letzten Minuten auf dem Album, welche aber, und das dürfen wir vorweg nehmen, grandios klingen werden.

In Niz Bogzarad“ ist wohl das interessanteste und auch fesselndste Stück auf der ganzen Platte. Bei dem Titel handelt es sich übrigens um ein arabisches Sprichwort, was übersetzt so viel heißt wie: „auch dies wird vergehen“, was thematisch auch wieder perfekt zur Stimmung des Albums passt. Aber nun zum Song selbst, dieser beginnt mit orientalischen Zupfklängen, die wir nicht so recht einzuordnen wissen, doch sobald Eddies ruhiger Gesang einsetzt, ist es um uns geschehen. Besonders die Emotionen strömen hier über den Gesang und das Geschrei von Eddie an uns rüber. Das sanft klingende, fantastische Violinen-Spiel zieht uns in seinen Bann und wir werden durchaus verzaubert.

Und genau dieses Stück ist der Beweis dafür, wie gut es klingen kann, wenn klassische Streichinstrumente mit dem Metal-Genre verschmelzen.
Wir sind nun umso mehr der festen Überzeugung, dass die Kirchenkonzerte von Imminence im April 2022 ein besonderes Erlebnis werden.

Es folgt mit „Intermission“ ein kurzes Violinen-Instrumental, sozusagen das Intro zum Abschluss- und Titeltrack „Heaven in Hiding„.
Bei diesem Song verschmilzt die raue Schönheit des Saiteninstruments perfekt mit dem restlichen Metal-Talent der Band. Eddie hat sich sozusagen seine persönliche Bestleistung für den letzten Song aufgespart. Er überzeugt mit seinen sanften Cleanvocals, während die Band ihn mit ihrer vielschichtigen melodischen Kraft aufbaut. Die Violine klingt hier so perfekt mit ihren Metalcore-Wurzeln verschmolzen wie bei keinem anderen Stück zuvor, und der Breakdown ist absolut massiv und erdrückend. Es ist ein bittersüßes Ende, wenn man weiß, dass dieser Track der letzte auf einem 13-Track-Album ist, doch es ist ein Hoffnungsschimmer für die Schweden, der beweist zu was Imminence fähig sind, wenn sie ihr Bestes geben. Es ist eine Harmonie, die durch und durch in Einklang mit den verschiedenen Instrumenten und den Vocals steht und das Glanzstück am Ende des Albums.

Heaven in Hiding“ ist eine herausragende Sammlung von Songs, die mit einer ungehinderten Manifestation von emotionalen Ausbrüchen und Aufrichtigkeit geschrieben wurden. Das haben im Voraus bereits die veröffentlichten Singles gezeigt. Mit einer natürlich klingenden Herangehensweise und der ehrlichen Kreativität liefert die Band ein Album ab, bei dem jeder Song durch seinen Charakter und seine Geschichte hervorsticht, während er dennoch mit einem größeren Konzept verbunden ist. Thematisch und melodisch ist jeder Song eng miteinander verwoben und ebenso die Musikvideos erzählen eine zusammenhängende Geschichte. So künstlerisch und durchdacht, zeigt das neue Album zweifellos eine musikalische und visuelle Persönlichkeit, die die Vorstellung, wie ein moderner Metal-Act heute wahrgenommen wird, sofort in Frage stellt. Imminence entfesseln ihren eigenen Kult und nehmen uns mit auf eine künstlerische Reise durch die Sphären des Violin-Core!

Aufgrund kleiner einzelner Ausbrüche in den generischen Metalcore ziehen wir am Ende mit einem wehmütigen Auge einen halben Punkt ab. Dennoch eines der gelungensten Albums in diesem Jahr! Von uns gibt es für unsere Lieblingsschweden 9,5 von 10 Punkten!

Autoren: Alex und Seb

Tracklist:
1. I am become a name…
2. Ghost
3. Temptation
4. Surrender
5. Chasing Shadows
6. Moth To a Flame
7. Alleviate
8. Enslaved
9. Disappear
10. Lost and Left Behind
11. In Niz Bogzarad
12. Intermission
13. Heaven in Hiding