Letzte Woche in der Nacht vom 10. auf den 11. Juli lud die amerikanische Melodic-Hardcore-Band The Ghost Inside ein, um einen ganz besonderen Moment nochmals zu erleben. Denn am 10. Juli vor genau zwei Jahren feierte die Band ihr groß umjubeltes und lang ersehntes Comeback bei ihrer The Shrine Show.

Unter dem Namen „Rise From The Ashes“ soll dieses Comeback nicht nur als Livestream zu sehen sein, sondern es folgt ein digitaler Release (VÖ: 30.07.2021) plus Vinyl-Platten über ihr Label Epitaph Records (VÖ: 22.01.2022). Wir konnten also nicht nur vergangenen Samstag unter einigen Gänsehaut-Momenten das Ganze nochmal erleben, sondern wir können uns auf zwei weitere Daten freuen. Was ein Geschenk von den Jungs!

Nun aber zu dem Stream an sich.
Zu Beginn zeigte die Band Ausschnitte ihrer letzten weltweiten Tour 2015 mit Stopps in diversen Großstädten Europas, wie Paris, Amsterdam, Manchester und Prag, sowie Auftritten auf verschiedenen Festivals wie den Impericon Festivals, Rock am Ring und Rock im Park, dem Greenfield Festival und viele mehr.
Diese Kurz-Dokumentation steht euch auch auf YouTube zur Verfügung, da die Jungs das damalige Filme-Material bereits veröffentlicht hatten (den Link findet ihr hier). Nach der Dokumentation bedankte sich die gesamte Band fürs Einschalten.

Nach diesem Rückblick wurde der tragische Autounfall, welcher sich im November 2015 ereignete, thematisiert.

Die Band war mit ihrem Tourbus in einen Frontalzusammenstoß verwickelt, der sowohl das Leben ihres Busfahrers als auch das des Fahrers des anderen Fahrzeugs forderte. Jonathan Vigil (Vocalist) erlitt einen gebrochenen Rücken, Bänderschäden und zwei gebrochene Knöchel. Zach Johnson (Gitarrist) musste wegen einer Oberschenkelverletzung 13 Mal operiert werden und Andrew Tkaczyk (Drummer) verlor sein rechtes Bein unterhalb des Knies. Die Zukunft der Band war das ganze Jahr 2016 über völlig ungewiss, da jeder darum kämpfte, seine umfangreichen Verletzungen auszukurieren.

Der Weg zur Genesung aller war sowohl mental als auch physisch sehr anstrengend, aber TGI waren fest entschlossen, wieder das zu tun, was sie lieben. Fast vier Jahre später hat die Band genau das getan und kehrte im Juli 2019, 1.333 Tage nach ihrem Busunfall, auf die Bühne zurück. Ursprünglich sollte das Konzert im historischen Shrine Auditorium stattfinden, doch die Tickets waren so schnell ausverkauft, dass der Gig auf den Parkplatz verlegt werden musste. Die Parkplatz-Location war mit 8.000 Tickets ausverkauft. Wahnsinn, wenn man bedenkt, dass man das Ganze erst in einer viel kleineren Location spielen wollte.

Noch ein paar Worte zum Beginn der Band und was man bis zu dem Unfall alles erreicht hatte: The Ghost Inside gründeten sich 2004 in El Segundo, Kalifornien, vereint durch ihre gemeinsame Leidenschaft für Bands aus der Hardcore-Szene. Die Band hat seitdem bis 2015 fünf Studioalben veröffentlicht: „Fury And The Fallen Ones“ (2008), „Returners“ (2010), „Get What You Give“ (2012) und „Dear Youth“ (2014).
Die Gruppe steht für Authentizität, Hingabe, Beharrlichkeit und das wortwörtliche Festhalten an den Grundwerten ihrer musikalischen Kunst. Klanglich setzt die Gruppe im Rahmen ihres stark melodischen, modernen Hardcores gleichermaßen auf zutiefst persönliche Vocals, drängende Riffings und zerstörerische Breakdowns.

Nach diesem sehr emotionalen und persönlichen Rückblick auf die Folgen des Unfalls, gab es ein paar außergewöhnliche und auch wunderschöne Musikvideos zu sehen. Dabei durfte jedes Bandmitglied ihren Lieblingssong und das dazugehörige Video in einem kurzen Clip ankündigen. Die Auswahl der Videos war sehr individuell und es waren sowohl alte auch ein neue Songs vom aktuellen Self-Titled Album gespielt.

Danach ging es endlich los: erst noch ein kleiner Countdown und dann sollte der emotionale Abend am The Shrine seinen Lauf nehmen.
Mit viel Neugier und Vorfreude konnten wir es kaum erwarten. In einem kurzen Intro wurde die Geschichte der Band beschrieben, wie diese vor 15 Jahren in Los Angeles begann und gerade als ihr Weg einen Höhepunkt erreichte, „kam es zu einem plötzlichen Ende, aber heute Abend sind unsere Mütter, Brüder, Familie und Freunde“ hier, um die Rückkehr zu sehen.

Dann kam die Band noch hinter einem Vorhang umjubelt auf die Bühne. Es war wie man es kennt, nur einfach noch viel emotionaler und die erste Gänsehaut spiegelte sich auf der Haut nieder. Einige Fans in den ersten Reihen hatten auf jeden Fall Tränen in den Auge und vermutlich wird es der Band nicht anders gegangen sein. Auch wenn die „harten“ Jungs mit ihrer „heavy music“ wohl eher nicht so eingeschätzt werden.

Mit dem ersten Track „Avalanche“, einer Single vom Album „Dear Youth“, kamen die Jungs mit voller Wucht auf die Bühne. Nach den ersten Zeilen wurde auch der Vorhang von der Decke geworfen und endlich durften wir TGI in voller Pracht sehen. Gerade der erste Refrain war völlig herzergreifend, als weder Jonathan Vigil noch Jim Riley (Bassist) ein Wort singen mussten, denn die Menge sang mit voller Kraft und Lautstärke mit. Und schon wieder ein wahrer Gänsehaut-Moment!

Der Sound der Band war erstaunlich, alle Musiker setzten ihre Leidenschaft auf eine Karte und so entwickelte sich eine epische Energie nicht nur auf, sondern auch vor der Bühne. Das Publikum war fasziniert von der Performance, viele waren emotional, weil sie dachten, dass sie so etwas nie wieder sehen würden. Jonathan Vigil erwähnte, dass er, als sie die Show ursprünglich buchten, dachte, sie könnten The Shrine nicht füllen. Er hatte keine Ahnung, dass die Tickets in fünf Minuten ausverkauft sein würden. Richtig gelesen – fünf Minuten dauerte der erste Vorverkauf nur!

Des Weiteren sprach er sehr offen über die Irrungen und Wirrungen der Band, zu gleichen Teilen düster und ehrfürchtig darüber, wie weit sie gekommen waren. Allerdings achtete er darauf, nicht zu viel über die Zukunft der Band zu sagen und konzentrierte sich hauptsächlich auf den Moment. Zu diesem Zeitpunkt wusste auch noch niemand von der bevorstehenden Veröffentlichung ihres Self-Titled Albums.

The Ghost Inside waren schon immer eine Band, die schwierige Themen mit einem Gefühl der Ermutigung angegangen sind. Jonathan Vigil beschrieb, wie die aufmunternden Texte der Band während ihrer Genesung immer wieder zu ihm zurückkamen. Texte wie „I’ve got something here worth fighting for/ Give it all, Give it all, Give it all/ Give me everything that you’ve got“ aus dem Song „Unspoken“, den die Band als zweiten Song spielte. Er fuhr fort und sagte, dass er die Ermutigung der Fans und die eigene Botschaft der Band brauchte, um die schwere Zeit zu überstehen.

Vor Song Nummer 3 „The Great Unknown“ wandte sich der Vocalist zum ersten Mal direkt an die Fans:

Ich hätte nie gedacht, dass der heutige Tag kommen würde. Wir haben so viel Zeit mit diesem Traum verbracht, den wir verwirklichen wollten… aber dann hat sich alles für uns geändert… So sehr ich auch gesagt habe, ‚wir werden hier sein, wir werden zurückkommen‘, so sehr ich das auch gesagt habe, gab es immer ein kleines Stück von mir, das daran gezweifelt hat, dass dieser Tag kommen würde.“

Und in diesem Moment werden wohl Einigen ein paar Tränchen gekommen sein. Weiter fuhr er fort:

„Drei Jahre und acht Monate,  jede einzelne Sache, die wir durchgemacht haben, jede Physiotherapie ist für heute. Wir mussten lernen, wieder zu laufen, wir mussten lernen, wieder zu leben, wir mussten lernen, wieder zu spielen, wir mussten lernen, wie man kaputt ist. Wenn wir nicht die Ermutigung von euch Allen hier heute Abend und all den Fans auf der ganzen Welt hätten, weiß ich ehrlich gesagt nicht, ob wir jetzt hier wären. Der nächste Song handelt davon, er heißt ‚The Great Unknown‘.“

Im weiteren Verlauf wurde die Menge gefragt, woher die Fans kommen würden und auch dies war ein sehr krasser Moment für alle Beteiligten auf der Bühne. Denn auf die Frage „Wer ist aus Kalifornien?“ antwortete gerade einmal die Hälfte aller Leute in der Menge. Bei der folgenden Aufzählung, wer noch aus den Staaten, wer aus Australien und wer aus Japan sei, antworteten jedes Mal ein paar Fans. Sogar Europa war mit ein paar Menschen vertreten. Und auch hier bleibt einem wieder ein kleiner Klos im Hals stecken. Schon verrückt, was Fans aus der Musikszene auf sich nehmen, um bei einem solch epischen Event live dabei zu sein.

Der Frontmann war sehr dankbar und bedankte sich sehr oft bei den Fans, der Familie der Band und vor allem auch Brett Gurewitz (Gitarrist von Bad Religion und Besitzer von ihrem Label Epitaph Records). Ganz besonderer Dank ging unter anderem auch an den Vater von Drummer Andrew Tkaczyk, der das spezielle Schlagzeug gebaut hatte, damit sein Sohn an diesem und hoffentlich noch an vielen weiteren Abenden, überhaupt spielen kann.

Uns ist bewusst, dass wir in dieser Review wenig auf die gespielte Musik bzw. Lieder eingehen, denn besonders das Gesagte der Band an diesem Abend ist so emotional und herzzerreißend, dass es doch wichtiger ist als nur die Lieder von 1 – 20 durch zu gehen. Denn genau 20 Lieder spielten die Jungs an diesem denkwürdigen Abend. Darunter auch die nicht besser passenden Songs wie „Phoenix Flame“ und „The Other Half“, die zum ersten Mal live gespielt wurden (beide vom 2014 erschienenen Album „Dear Youth“). Beendet wurde das Liveset mit dem schweren und emotionalen Track „Engine 45“, vom 2012er Album „Get What You Give“.

Wie die Band es beschrieben hat, waren die gespielten Songs genau die Lieder, die auch wir in einigen schwierigen Momenten in unseren Leben immer wieder gerne, laut und oft gehört haben. Denn so konnte man immer mal alles um sich herum vergessen und das ist doch auch genau das, was wir erleben bzw. die Künstler mit ihrer Musik am liebsten transferieren wollen. Getreu unserem Motto: „MUSIC CAN SAVE YOU“.

Nach der Show gab es noch eine Fragerunde mit der Band.

Wir alle sollten nun die Daumen drücken und hoffen, dass der gesamte Konzertfilm inkl. dem Liveset und der abschließenden Fragerunde mit der Band auf DVD erscheinen wird. Wir würden das Ganze natürlich sofort kaufen, um es immer wieder erleben zu dürfen!

Setlist:
Avalanche
Unspoken
The Great Unknown
Dear Youth (Day 52)
Out of Control
Outlive
Greater Distance
Between the Lines
Phoenix Flame
Thirty-Three
Mercy
Shiner
Dark Horse
The Other Half
Chrono
Move Me
White Light
Faith or Forgiveness
Engine 45

Autoren: Alex und Seb