Rising Insane werden im kommenden Jahr 2022 ihr 10-jähriges Bandbestehen feiern. Aus diesem Grund werfen wir nochmals einen Blick in die Vergangenheit, bevor es mit dem Review ihres neuesten Metalcore Meisterwerks „Afterglow“ weitergeht. Erst 5 Jahre nach Gründung der Band konnten die Bremer ihr Debütalbum veröffentlichen.

Auf „Nation“ ist das Narrativ noch ein ganz anderes. Das Quintett aus dem Norden äußert sich auf seiner ersten Platte vor allem gesellschaftskritisch, fasst das große Ganze ins Auge und legt den Fokus kaum auf sich selbst. Dadurch ergeben sich Songs zu weltpolitischen Themen, die zum Beispiel von Al Gores Dokumentarfilm „Eine unbequeme Wahrheit“ inspiriert sind. Durch das umworbene Debüt blieben die Jungs nicht unbemerkt auf dem großen Radar der Heavy-Scene. Daher gelang Rising Insane beim Bandwettbewerb „Live in Bremen“ als junge und aufstrebende Metalcore-Band der Einzug ins Finale. Dort musste man sich dann zwar mit Platz 2 zufriedengeben, doch der erste große Erfolg war geboren. Danach folgte mit dem Auftritt auf dem Impericon Festival ein weiteres Karriere-Highlight. Im Jahr 2019 rollte dann Album Nr. 2 auf uns zu. „Porcelain“ schlägt mit einem Mal ganz andere Punkte an: Im Juli 2018 verstirbt die Schwester von Sänger Aaron Steineker an ihrer Brustkrebserkrankung und sorgt damit nicht nur im Leben des Musikers für eine schwerwiegende Paradigmenverschiebung, sondern verändert auch die Themen von Rising Insane nachhaltig. Plötzlich erzählt die Band viel introspektivere Dramen, verhandelt mit dem eigenen Ich und nicht mit den Kämpfen der Weltgemeinschaft. „Porcelain“ wird für die Jungs zur Aufarbeitung eines Traumas und damit auch zum Wendepunkt, der alles verändern wird. Und genau das ist es auch, was Fans und Gönner ihrer Musik so sehr an den Bremern schätzen. Die geballte und energiegeladene Musik, als auch die intimen Momente beim Durchlesen und Mitsingen der Lyrics.

Nun ist es soweit und Rising Insane wollen den nächsten Schritt gehen. Mit ihrem dritten Album „Afterglow“, welches am kommenden Freitag dem 10. Dezember 2021 erscheinen wird, wollen die Jungs ihren Platz am deutschen Metalcore-Olymp festigen. Ob sie das auch geschafft haben, prüfen wir nun in unserem Review.

Den Beginn macht das Album mit dem gleichnamigen Titeltrack „Afterglow„. Den Song durften wir bereits als eine der Single-Veröffentlichungen im Vorfeld hören und waren direkt von Beginn an entzückt. Nicht nur wegen des aufwendig aufbereiteten Musikvideos, welches wie immer mit dem Regisseur Peter Leukhardt gemeinsam aufgenommen wurde, sondern auch wegen der Thematik, die hier angesprochen wird. Der Track bildet den Ausgangspunkt bzw. Kernstück , daher wurde dieser Song auch der Titeltrack der LP. Im Song selbst verarbeitet Sänger Aaron den Schmerz und die Trauer aus der Vergangenheit, daher ist der Track eben auch der perfekte Einstieg und Aufbau auf das Vorgängeralbum „Porcelain„.

Rising Insane sagten selbst über den Titeltrack:

Afterglow ist das lyrische Kernstück des gleichnamigen Albums. Der Song geht ohne Umwege direkt an den Schmerzreiz der post-traumatischen Belastung und drückt den Schmerz und das Leiden, aber auch die Verzweiflung aus, ein Leben lang die Vergangenheit auf den Schultern tragen zu müssen.“

„But we fight ‚cause we’re meant to live“

Auf dem darauffolgenden Song „Meant To Live“ erwartet uns dann im Gegensatz eine aufbäumende Muterklärung an uns selbst. Denn wie den Jungs von Rising Insane wird auch uns auf unserem Lebensweg des Öfteren mal ein Stein in den Weg gelegt, doch man sollte niemals aufgeben und weitermachen. Genau das ist das große Thema in diesem Track. Jeden Tag neue Kraft zu schöpfen und sich niemals unterkriegen lassen. Musikalisch ist die Grundhärte von Beginn an etwas in den Hintergrund gerückt worden. Großartig ist unter anderem das Gitarrensolo in der Mitte des Songs. So etwas macht unheimlich Lust auf Mehr und ist vor allen Dingen ein perfekter „Mutmacher“. Alles in Allem haben Rising Insane eine Ode an sich selbst geschrieben, um sich bewusst vor Augen zu führen, dass sie stark genug sind, all ihre Hürden zu überwinden.

„It’s like a parasite living here inside my mind“

War“ ist dann der erste Track, der nicht im Vorfeld veröffentlicht wurde. Und der Song beschreibt genau das, was man erwartet. Den Kampf mit seinen inneren Dämonen, den wohl auch Aaron in 2019 mit sich führte, als er nach der bitteren Diagnose seiner Schwester mit sich selbst am meisten zu kämpfen hatte. Immer wieder schreit er im Track nach Hilfe und redet auch davon, dass er es alleine nicht schaffen kann. Nicht umsonst hat er mit dem letzten Scream im Song „I’m going down now, call the alert“ selbst auf den Alarmknopf gedrückt, um sich selbst in Behandlung zu geben. Wow, ganz große Worte verpackt in einem großartigen Metalcore-Kracher! Und da soll noch einer sagen, dass die Jungs aus der Heavy-Scene keine Gefühle und Emotionen zeigen können. Ebenso ziehen wir unseren Hut vor Aaron, der in diesem Sinne als ein bemerkenswertes Beispiel voran geht.

„I’m feeling lost and lonely when I’m in a happy place“

Wie richtig bemerkt, manifestiert sich auf „Afterglow“ das Nachbeben tiefer seelischer Zerwürfnisse, die Rising Insane mit beeindruckender Offenheit nach außen kehren. Das Album zeigt dabei auf frappierende Weise die Vielfalt der Fragen auf, die sich in einer posttraumatischen Situation stellen. „Flightless Bird“ setzt sich zum Beispiel mit den Folgen von Anhedonie auseinander – ein innerer Zwang, der einem nach einem schlimmen Erlebnis nicht mehr erlaubt, auch gute Gefühle zuzulassen.

Aaron selbst beschrieb das Gefühl wie folgt:

Es fällt mir extrem schwer, wirklich Freude für etwas zu empfinden, egal wie schön der Moment eigentlich ist, weil ich im selben Moment immer daran denken muss, dass ich diesen Moment niemals mit meiner Schwester teilen kann.

Damit haben wir auf Track Nr. 4 eine weitere Hyme um aufmerksam darüber zu machen, wie sich Menschen fühlen, wenn es zu einem verheerenden Erlebnis in ihrem Leben gekommen ist. Chapaeu, Rising Insane! So viele Blicke hinter die Kulissen und in die tiefsten Sphären der Gedanken und Gefühle stimmen uns positiv und wir hoffen, dass ihr mit eurer Musik vor allen Dingen die richtigen Menschen erreichen werdet.

„I really try to keep you off my mind. But after every turn I take, I feel you rushing through my veins.“

Gleichzeitig haben Rising Insane auch ihre Arbeit mit fulminanten Hooks noch weiter ausgebaut, was sich zum Beispiel in einem Song wie „Serenade“ zeigt – hier legt die Band zwar mitnichten einen Track in Form der titelgebenden Abendliedform vor, aber doch einen Refrain, der durch unbestechlich eingängige Qualitäten überzeugt und mitreißt. Tendenziell könnte man fast vermuten, dass es sich bei diesem Track um eine Liebesballade handeln könnte. Am Ende des Tages ist es auch genau solch eine, doch nicht etwas von zwei Personen, sondern wie von Aaron bestätigt, handelt es sich dabei um die Beziehung von Depressionen und Angstzustörungen. Der Song liefert das perfekte Sinnbild für diejenigen unter uns, die sich eben nicht vorstellen können, warum es so schwer ist gegen die Depressionen anzukommen. Egal wie sehr man sich tagsüber ablenkt, am Abend holen einen die schlechten Gedanken immer wieder ein.

„What I am, is what you have made of me“

Der Nachfolger „Oxygen“ brilliert musikalisch dank der treibenden Drums und den satten Gitarrenriffs, vor allen Dingen im Refrain und im zweiten Part. Auf diesem Song kanalisiert Sänger Aaron seine Wut und den Hass auf die Depressionen, die ihn plagten. Verdeutlicht wird das Ganze unter anderem durch den gewaltigen Breakdown zum Ende des Songs. Wow, eine richtige Kampfansage, die Aaron mit den Worten „watch me bleed“ da anfeuert. Nochmals möchten wir das Gitarrenspiel und die technische Verliebtheit in den Vordergrund werfen.

„I feel like my mind is gone, still I know where my heart belongs“

Breakout“ fühlt sich dann wie eine kleine Liebeserklärung zum Metalcore an, die Rising Insane hier aussprechen wollen. „Gerade in den Zeiten der Pandemie sollten wir uns auf das konzentrieren, was uns gut tut und was wir gerne machen“, so Fronter Aaron zu dem Track. Besonders der Breakdown fällt für uns wieder ins Gewicht. Etwas erinnert uns dieser an die guten alten Breakdowns von While She Sleeps und das soll bloß kein direkter Vergleich sein, denn die Bremer haben es in diesem Sinne so gut verpackt wie wir unsere Weihnachtsgeschenke.

„Why can’t I find the last missing piece? Why do I still roam in agony?“

Der Song „The Surface“ fasst vielleicht am besten das beklommene Gefühl zusammen, dem sich Rising Insane auf der neuen Platte stellen – der Track hat schließlich auch das von Sandra Krafft designte Cover inspiriert. „Das Gitarrenriff am Anfang von ‚The Surface‘ klingt für mich immer wie ein Klopfen, als würde man unter Wasser gegen eine Eisschicht schlagen“, meint Aaron dazu. „Das ist für mich zum Sinnbild meiner Gefühle geworden – ich bin im Wasser gefangen und will eigentlich durchbrechen. Aber irgendwas hält mich zurück.“ Dieses Gitarrenriff welches wir hier hören, haben wir in bisher keinem vorherigen Rising Insane Song gehört und es wird euch mindestens bis zum 20. Geburtstag der Band im Kopf bleiben, versprochen ist versprochen!

„On the inside you’re dead, on the outside just breathing“

Something Inside Of Me“ ist musikalisch wie textlich ein gigantischer Wutschrei, der sich an all diejenigen richtet, die dem Thema Mental Health immer noch keine ausreichende Wichtigkeit einräumen. Diesen Ausdruck bringt am allerbesten das dazugehörige Musikvideo zum Ausdruck. Unter anderem unterstreicht dieses auch die Weiterentwicklung der Band. Nicht nur musikalisch sind sie mittlerweile eine Wucht, lyrisch waren sie es sowieso schon immer, sondern auch auf künstlerische Art lassen die Bremer keinen Stein mehr auf dem Anderen. Ein ganz großes Lob für das perfekte Zusammenspiel von Instrumental, Bedeutung und Verfilmung!

„It’s difficult but don’t lose hope, remember you are not alone“

Broken Homes“ verrät im Titel schon relativ viel, denn in diesem Song geht es den Jungs um das Thema Häusliche Gewalt. Ebenso wie viele andere angesprochene Themen wird dieses oftmals einfach todgeschwiegen. Wie in unserer Zwischenüberschrift – eine Textzeile aus dem Track – zu lesen ist, soll es den Betroffenen die Kraft vermitteln und verdeutlichen, dass keiner alleine ist. Wieder einmal gelingt es Rising Insane eine perfekte Symbiose aus Breakdown-Gewitter und Mitsing-Refrain zu schaffen.

Tell me something that I don’t know, tell me something to heal my soul“

Auf dem vorletzten Track der Platte „Bend and Break“ nimmt uns Sänger Aaron nochmals mit auf seinen steinigen Weg, den er mit all seinen Strapazen durchgehen musste. Wir gehen im Musikvideo mit ihm gemeinsam an viele seiner Orte in der Vergangenheit zurück, wo er sich verloren fühlte und in seinem Inneren umherirrte. Er selbst schrieb zu diesem Song:

„Mir ist aufgefallen, wie verloren ich gewesen bin, als würde ich irgendwo, fernab von der Zivilisation umherirren, ohne Halt und Zuflucht. Der Weg dorthin ist kurz, aber der Weg zurück ist mental unendlich langer und voller Verzweiflung, aber ich muss diesen Weg gehen. Das wollte ich in einem Song verewigen, mit der Gewissheit, dass ich noch lange nicht angekommen bin.“

Die letzte Zeile in seiner Ansprache verleiht dem Song eine weitere „Mutmacher-Attitüde„, die seinesgleichen sucht. Genau wie das musikalische Stück in Verbindung mit dem von Peter Leukhardt gedrehten Video.

„Hands up to the sky, wave your past goodbye – I’ll be there if you need me“

Imprisoned“ ist als Album-Closer schließlich das Fazit, das zum Handeln, zum Zusammenhalt und zur Empathie in schwierigen Zeiten aufruft. Das ist eine Botschaft, die gehört werden will. Das Tapping, welches wir zum ersten Mal zu Beginn des Songs hören, ist atemberaubend. Und keine Angst, wir dürfen es noch einige Male im Track hören. Das Suchtpotenzial (und zwar im positiven Sinne) ist riesig! Nicht nur nach diesem letzten Song, sondern nach dem ganzen Album.

Fazit:

Am Ende des Tages, wenn man alle Wege gemeinsam mit den Jungs von Rising Insane in ihrem neuen Album „Afterglow“ gegangen ist, muss man erstmal kurz oder auch etwas länger durchatmen. Denn dieses Mal nehmen die Bremer uns lyrisch mit auf eine Reise durch die tiefsten inneren Abgründe, vor allen Dingen aber auch auf den Weg der Trauma-Bewältigung ihrer selbst. Das macht dieses Werk so bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass wir hier mit Metalcore-Krachern der Marke While She Sleeps in Verbindung mit Refrains der englischen Kollegen Bury Tomorrow beliefert werden. Die Mischung aus unbändiger Kraft und melodischer Exzellenz kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Rising Insane haben zweifelsohne bewiesen, dass moderner Metalcore immer noch begeistern kann. Darüber hinaus liefert uns die Band kurz vor Weihnachten, in der Zeit, in welcher sich viele bereits auf die Feiertage einstimmen und ihre Wahl zum Album des Jahres schon fast abgehakt haben, einen weiteren Beweis dafür, dass mit den Jungs in naher Zukunft zu rechnen ist.

Rating: 9/10

Autor: Seb

Tracklist:

01. Afterglow   
02. Meant To Live
03. War
04. Fightless Bird
05. Serenade
06. Oxygen
07. Breakout
08. The Surface
09. Something Inside Of Me
10. Broken Homes
11. Bend And Break
12. Imprisoned

Rising Insane sind:

  • Aaron SteinekerGesang
  • Ulf HedenkampBass
  • Sven PolizukGitarre
  • Florian KöchyGitarre
  • Robert KühlingSchlagzeug