Silent Planet veröffentlicht heute, am 12.11.21 ihr brandneues Album Iridescent”. Mit insgesamt 12 Tracks präsentiert die US-amerikanische Metalcoreband ihren typischen, atmosphärischen Sound mit tiefschneidenden Lyrics.

Die Songs verarbeiten Garrett Russels psychischen Zusammenbruch, infolgedessen Silent Planet die Europatour 2019 abbrechen musste. Russel verbrachte kurz darauf etwa einen Monat in einer Klinik, was laut eigenen Aussagen auch für seine Bandmitglieder ein traumatisches Erlebnis darstellte. Das Album legt einen abstrakten Fokus auf die inneren Vorgänge, wenn eine Person am Abgrund steht, wobei Russels Erfahrung als Straight-Edge-Person erstmals unter medikamentösen Einfluss zu stehen eine wichtige Rolle spielt.

Im folgenden Track-by-Track Review wird sich zeigen, wie interessant Russel diese Erfahrung umgesetzt hat.

Bei1-1-2“ handelt es sich um das Intro, dessen Titelnummer auch gleichzeitig die europäische Notrufnummer ist. Diese wurde auch im Zuge des Abbruchs der Europatour gewählt, es ist also zu vermuten, dass hier ein Zusammenhang besteht. Wahrzunehmen sind Regen und Verkehrsgeräusche. Unterbrochen wird das urbane Geschehen von einem verstörenden Knall, welcher sich immer öfter wiederholt. Er trifft einen unvorbereitet, erschreckt einen fast bis er sich schließlich zuspitzt. Es ist ein abstrakter Vorgeschmack, wie intensiv die folgenden Songs einen treffen werden.

Den Schmerz verstehen

Der zweite Titel „Translate the Night“ beginnt vocalzentriert, wohingegen das Atmosphärische erst später einsetzt. Der Refrain beherbergt aufgrund seiner Simplizität wiederum Ohrwurmpotenzial.
Aber worum geht’s in „Translate the night“ eigentlich? Es heißt nicht umsonst, dass sich die Wahrnehmung von Menschen in der Nacht verändert. Hier scheint ein düsteres Seelenleben veranschaulicht zu werden. In diesem Sinne ist die Nacht eine Metapher, um das Innerste einer Person nach außen zu kehren für den Zuhörer quasi verständlich zu „übersetzen“: I‘m dying in the shell i have become“
Der Wechsel zwischen Cleanrefrain und den Screams nimmt den Hauptteil des Songs ein, während der langsame Breakdown am Ende mit einem stark technischen Fade-Out ein wenig abrupt erscheint.

Eine Kollaboration mit Fit for a King!

Der dritte Titel Triology“ ist eine Kollaboration mit Fit for a King. Die Synths zu Beginn in Kombination mit den aggressiven Vocals erwecken eine gewisse Aufbruchsstimmung. Als besonders erwähnenswert erscheinen die Rapparts mit einem reizvollen Flow, welche einen starken Kontrast zu den melancholischen Cleans bilden. Auf lyrischer Ebene wird mit einem unglaublichen, authentischen Feingefühl erzählt, wie das Ich durch eine Wirklichkeitsabspaltung – „I’m fading to static in the disconnect“ – zu einer Beobachterrolle mutiert. Dennoch ist die Fähigkeit nicht verloren, die Anteilnahme anderer wahrzunehmen, wenn auch in diesem passiven Zustand..

Borrowed light, a parasite,  I fed on the dusk and hid myself from the night. And we don’t speak we barely hear, I watched you watch me disappear“

Fast schon manisch und alarmierend wirkt die ständige Wiederholung „It’s always red/the static in my head“ kurz vor dem Breakdown, welcher den Hörer unter Spannung setzt. Mit dem immer schneller werdenden Rhythmus liefert Silent Planet definitiv Pitlaune. Die unerträgliche Energie wird quasi für den Hörer in etwas Gutes verwandelt. 

Second Sun“ beginnt hingegen mit einer langsamen Melodie und liefert einen durchschnittlichen, simplen Metalcoresong. Dessen Höhepunkt ist der langsame melodische Cleanpart mit später einsetzenden Chor.

Über Kontrolle und Ausgeliefertsein

Panopticon“ – Der Titel kommt nicht von irgendwoher. Das Wort selbst bezeichnet einen bestimmten architektonischen Aufbau eines Gefängnisse. Dieser ist so konstruiert, dass von dessen Mittelpunkt die Wärter alles beobachten können – die perfekte Struktur von Kontrolle und Ausgeliefertsein. Garret Russel hat dies als Inspiration genommen wie uns mediale Abhängigkeit und Kontrolle verändert:

„Panopticon paints a dystopian view of the future, one where technological advances have pacified the human spirit and made us apathetic in the face of an increasingly malevolent, post-singularity AI that was developed under the premise of security… ultimately becoming a tyrannical overlord” explains vocalist Garrett Russell.

Ebendiese dystopisch, verlorene Atmosphäre fängt Silent Planet auf musikalischer Ebene durch alarmierend elektronische Elemente und die ausschließliche Nutzung von Bass ein. In Komposition mit den Vocals, welche nicht nur klanglich frontale Eindrücke hinterlassen:

Shut down the system. Burn away the veil. What waits? A face behind a face behind a face.“

Der Song gibt sich verständlich und nachvollziehbar. Dennoch scheint er nicht von leeren Redewendungen und Metaphern überschüttet zu sein.

Der sechste Titel The Sound of Sleep“ hört sich nach puren Terror an. Die Cleanparts in Verbindung mit dem verstärkten Einsatz von melodischen Synths vermitteln den Eindruck des Verlorenseins. Mehrfache Wiederholungen spiegelt den verzweifelten Versuch des Vergessens wieder. Das fast schon abbrechende Ende des Songs lässt den Zuhörer selbst mit einem Wirbelwind von Gefühlen zurück.

Alive, as Housefire ist für Freunde von schneller Eskalation geeignet. Die Drums geben hier nicht den Takt, vielmehr treiben sie ihn voran. Der Track ist ein richtiger Anheizer, der die Bude definitiv zum Beben bringt. Insbesondere am Ende, sobald Russel wiederholt „Fuck the System!“ screamed, sehe ich persönlich den Song schon als richtige Life-Banger-Garantie.

Terminal“ bietet einen eher progressive Sound. Dabei handelt es sich um ein sehr persönliches Werk mit einem hohen Clean-Anteil, welches in Kombination mit dem neunten Track „liminal“ in einem Musikvideo kombiniert wurde, in welchen der Protagonist in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen wird. Sowohl auf musikalischer als auch auf Textebene löst der Song eine zutiefst niedergeschlagene Stimmung aus.

Don’t look back, Sea of the Dead
I turned to salt in a hospital bed
I’m shaking hands with stillborn clocks
Am I terminal?
Burn the forest for the splinters
Medicate the witch in me
Drop the bomb and make it winter
In this terminal.“

Der Track nimmt einen auf eine gute Weise mit. Man hat nicht nur das Gefühl in den Kopf von den Gedankenwirbeln dieser Person zu blicken, sondern sympathisiert auch in diesen 4:47 Minuten mit ihr und fängt den Hauch einer Vorstellung ein, wie sich am Abgrund stehen anfühlt.

Der Interlude „liminial“ scheint das Nachbeben von „Terminal“ zu sein. Sein roboterartiger Beginn, gepaart mit den Geräuschen von Krankenhausgeräten bilden nur die Vorankündigung von einem tief hinabziehenden Interlude. Die Instrumentals liegen schwer auf dem Gemüt.

liminial bedeutet zu deutsch kaum wahrnehmbar und genau dieses Schwellenerlebnis des Protagonisten visualisiert das Video. Es werden starke Eindrücke vom Meer gezeigt im Kontrast zu der Natur steht die bedeckte Person, welche dem Ich in manchen Moment wie die Personifikation von bedrückenden inneren Ballast über die Schulter schaut. Das Ende von „liminal“ fühlt sich nicht nur musikalisch nach Orientierungslosigkeit an. Der Wechsel von Schnee zu einer wüstenartigen Landschaft liegend und einem abstrakten, aggressiven Rot am Ende Abstraktes mit diesem technischen Geräusch und Stimmen haben etwas Eigenes.

Anhedonia – Anhedonia schlägt hingegen wieder richtig ein. Die Variation von den Vocals holt den Hörer ab. In dem einen Moment wird man von den Screams überrollt, im nächsten überraschen einen melodische Cleans. Aber auch hier sei wieder auf den Hintergrund des Songs eingegangen. Wie der Titel „Anhedonia“ schon andeutet, geht es hier wieder um die Erfahrung mit einer psychischen Krankheit, um genauer zu mit sein: Anhedonie. Diese beschreibt eine psychische Störung, welche die Fähigkeit zum positiven emotionalen Erleben deutlich reduziert.

Insbesondere Verlorensein unter medikamentösen Einfluss ist hier treffend beschrieben, fast schon wie eine spirituelle Erfahrung:

Lost inside a fever dream a carousel of wilting roses sing: „You now depart from me and find an empty field to hang your head.“

Anhedonia ist auf musikalischer Ebene eine sehr abwechslungsreicher Titel, welcher jedoch auf seiner Bedeutungsebene eine erschreckende Komplexität aufweist. Die Wortgewalt ist beeindruckend und deren Verstehen fühlt sich nach einer spannenden Knobelarbeit an.

Der vorletzte Song „Till We Have Faces“ geht schnell los, wechselt jedoch ebenso flink in Cleans. Während der Track nicht minder als ein guter Metalcore Song bezeichnet werden kann, überzeugt er auch hier wieder auf textlicher Ebene:

I stole the moon as my crown until the stars came down
I was the king of instability
„No one can stop my rise!“ bipolar moons align
Until the chemicals gave way to gravity
Sweet gravity

Das Motiv der Schwerkraft, welche das Ich auf dem Boden hält wird durchgängig durchgezogen. Die Metapher hier fühlt sich wohl durchdacht an und nach keinen leeren Worten, die von irgendeinem Vorbild aufgegriffen werden mussten.

Der finale Track „Iridescent“, welcher ebenfalls den Albumtitel darstellt. Er beginnt wieder mit düsteren Synths. Im Vordergrund stehen auch wieder Russels Worte, sogar so sehr, dass die Instrumentals zunächst vollkommen runtergeschraubt wurden. Deren Präsenz schlägt dafür umso härter einem um die Ohren. Die Entwicklung von aggressiven Vocals haben eine rapide Wirkung, welche ebenso wieder zu vergehen scheint, wie sie gekommen ist.

As the moon waved her goodbyes I saw you in a thousand lights
Eternity, in a moment: Iridescent

Auch hier sind die Silent Planet Texte wieder komplex-kryptisch gehalten. Ehrlich gesagt scheint dieser Song nur für zwei Personen geschrieben zu sein und wie ein Geheimnis, dass der Hörer vielleicht nicht ergründen, sondern einfach nur hinnehmen soll.

Fazit:

Mit Silent Planet ist nicht die Sache, dass man sich in die Musik selbst reinhören muss, um sie angenehm zu finden. Silent Planet gibt einem das Gefühl, dass man beim einfachen Hören nur an der Oberfläche kratzt. Das Album Iridescent” ist größtenteils ungewöhnlich gradliniger in seinen Lyrics, erweckt jedoch den Eindruck von Aufrichtigkeit. Hinter diesen Lyrics stecken echte, authentische Erfahrungen. Dies Konzeptalbum, welches sie so verletzlich offen gibt und womöglich für manch einen schmerzhafte Realität widerspiegelt. Hier gibt es 10 von 10 verdienten Punkten!

Außerdem können sich Fans freuen, Silent Planet schreibt bereits am nächsten Album.

Tracklist:

01. 1-1-2
02. Translate the Night
03. Triology
04. Second Sun
05. Panopticon
06. The Sound of Sleep
07. Alive, as a Housefire
08.Terminal
09. (liminal)
10.Anhedonia
11. Till We Have Faces
12. Iridescent

Autorin: Natascha Tez
Bild: Pressebild